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Gezielt Verletzungen vorbeugen

Interview mit Sportarzt Dr. Knut Beitzel: Was Freizeitkicker beachten sollten



Welche Maßnahmen können Verletzungen vorbeugen und wie lassen sich längere Verletzungspausen vermeiden? Priv.-Doz. Dr. med. Knut Beitzel, leitender Oberarzt und Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Klinikum rechts der Isar in München, im Interview:


Spieltempo und körperliche Anforderungen haben im Fußball in den letzten Jahren rasant zugenommen. Damit steigt auch die Zahl der Verletzungen, wie man es besonders im Profifußball sehen kann. Wie sieht es bei den Amateuren aus? Mit welchen Problemen kommen die Hobbykicker zu Ihnen in die Praxis?

Wie bei den Profis sehen wir heute auch bei den Hobbyfußballern viele Muskelverletzungen. Zum Glück handelt es sich meist um Zerrungen oder Muskeleinrisse, die sich zum Großteil gut konservativ versorgen lassen und dann ohne Beschwerden abheilen. Aber gerade in unsere Ambulanz kommen immer wieder Spieler mit einem kompletten Sehnenriss. Dann ist es sinnvoll, dass wir die Sehnen operativ behandeln, um die Muskelfunktion wieder herzustellen.

Neben den Verletzungen der Sprunggelenke sind gerade Kreuzband- und Meniskusverletzungen am Kniegelenk häufig. Da ist es leider trotz unserer optimalen Versorgung mit modernen und minimalinvasiven Operationstechniken nicht auszuschließen, dass es später zu bleibenden Schäden an den Gelenken kommen kann, zum
Beispiel einer Arthrose.

Wie sieht es mit Kopfbällen aus? Können diese für das Gehirn schädlich sein?

Da ist die Studienlage noch sehr gemischt. Es gibt Arbeiten, die einen Zusammenhang zeigen und andere, die nichts nachweisen konnten. Ich denke, dass der einzelne Kopfball sicherlich ungefährlich ist, aber die Summe der Kopfbälle über die Jahre hinweg unter Umständen Folgeschäden hervorrufen kann. Gerade bei Kindern und Jugendlichen sollte man vorsichtig sein, weil Gehirn und Nackenmuskulatur noch nicht vollständig entwickelt sind. In den USA sind deshalb seit 2016 Kopfbälle für unter 10-Jährige verboten. Auch von der FIFA gibt es nun Überlegungen, die Zahl der Kopfbälle bei sehr jungen Spielern zu reduzieren oder sie mit leichteren Bällen spielen zu lassen. Das halte ich für sinnvoll.

Das Bad im Eiswasser nach einem Wettkampf gilt bei Profifußballern als beliebte Maßnahme, um Muskelbeschwerden vorzubeugen. Nun hat nicht jeder eine Eistonne zu Hause. Was empfehlen Sie Hobbysportlern zur Regeneration?

Das kalte Wasser soll ja den Körper rasch abkühlen, um den Stoffwechsel zu normalisieren und Schwellungen zu vermeiden. Ob das tatsächlich immer so eintritt, ist nicht ganz klar. Leistungssportler scheinen davon zu profitieren. Manche Hobbysportler berichten jedoch von starken Muskelschmerzen nach dem Bad. Auch Unterkühlungen oder Erfrierungen sind möglich, wenn das Eisbad nicht kontrolliert durchgeführt wird. Für Hobbysportler halte ich deshalb kalte Duschen oder Wechselduschen für eine gute Alternative. Und auch eine warme Dusche kann entspannen. Da sollte jeder sehen, was ihm gut tut.

Um Muskelproblemen vorzubeugen, ist eine gute Cool-Down-Phase nach dem Spiel wichtiger. Dazu gehört ein lockeres Auslaufen und ein konsequentes Dehnprogramm. Das wirkt besonders der Verkürzung der Muskeln entgegen. Zu einer guten Regeneration gehört auch, verlorene Flüssigkeit und Mineralien rasch mit alkoholfreien, isotonischen Getränken auszugleichen.

Also kein Erfrischungsbier nach dem Spiel?

Wenn die Cool-Down-Phase ordentlich durchgeführt wurde, ist dem geselligen Abschluss nichts entgegenzusetzen. Wie überall sollte Alkohol dabei natürlich nicht im Übermaße getrunken werden. 

 

Wie lassen sich Verletzungen schon im Vorfeld vermeiden?

Da ist eine gute Vorbereitung, also ein effektives Training vor dem Spiel, besonders wichtig. Auch ein Hobbyfußballer braucht Ausdauer, Kraft, koordinative Eigenschaften und sensomotorische Fähigkeiten, die trainiert werden müssen. Schließlich müssen auch sie ein 90-minütiges Spiel fit durchstehen. Aber gerade im ermüdeten Zustand kommt es häufig zu Verletzungen. Besonders ältere Spieler sollten deshalb durch gezielte Kräftigungs- und Dehnprogramme die Muskeln trainieren und zusätzlich auf ihre Ausdauer achten. Hier gibt es gute Aufwärmprogramme für Vereine, wie FIFA 11+, die regelmäßig durchgeführt werden sollten. Die Übungen stärken gezielt wichtige Muskelgruppen und beugen nachweislich Verletzungen vor.

Und wenn es nun doch zu einer Verletzung während des Spiels gekommen ist?

Als Sofortmaßnahme hat sich das PECH-Schema bewährt. P steht dabei für Pause, E für Eis, also Kühlung, C für Kompression und H für Hochlagerung. Diese Maßnahmen sind fast immer direkt durchführbar und helfen gut, Schmerzen zu lindern und übermäßige Gelenkschwellung zu vermeiden.

Wie die Profis schnell wieder auf die Beine - das ist auch bei ehrgeizigen Spielern im Breitensport nach einer Verletzung häufig die Devise. Doch nicht wenige scheitern beim ersten Training.
Was sollten Freizeitkicker beachten?

Von heute auf morgen wieder auf dem Platz zu stehen, geht meist nicht. Je nach Verletzung und Behandlung braucht die Rehabilitation Zeit und erfordert ein planvolles Vorgehen. Hier müssen Arzt, Physiotherapeut und Trainer eng zusammenarbeiten. Bewährt hat sich, die Belastung nach dem Prinzip „train to train, train to play, train to compete“ schrittweise zu steigern. Zunächst geht es darum, in einem individuellen Programm Kraft, Ausdauer und Koordination zu trainieren. Im nächsten Schritt kann der Spieler dann am Teamtraining seiner Mannschaft teilnehmen, anschließend an Übungsspielen und erst zum Schluss wieder an Wettkämpfen. So ein gestaffelter Belastungsaufbau sollten auch Hobbyfußballer beherzigen, sonst kommt es schnell zu Überlastungen mit hohem Risiko für neue Verletzungen.


Welche gesundheitlichen Vorteile das Fußballspielen in der Freizeit hat, erfahrt ihr unter www.ikk-classic.de/fussball.