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Voll im Plan: Marco Reus arbeitet täglich an seinem Comeback

Marco Reus hat an diesem Tag kein Tor geschossen und auch keins vorbereitet. Und trotzdem wirkt der 28-Jährige zufrieden.

Seit einigen Wochen geht das schon so – und es wird sich auch noch einige Wochen wiederholen in einer Phase der Reha, in der der Körper schon wieder recht viel kann, aber noch nicht alles darf. Vor allem das nicht, was ein Fußballer am liebsten macht: sprinten, gegen den Ball treten, ein Tor bejubeln.

Viereinhalb Monate sind mittlerweile ins Land gestrichen seit dieser Allerweltszene aus dem Pokalfinale gegen Eintracht Frankfurt. Marco Reus hat in etwa die Hälfte der auf rund acht, neun Monate veranschlagten Ausfallzeit nach der am 7. Juni erfolgten Operation hinter sich. Bergfest also. Doch ganz genau kann man das nie sagen, nach einer derart gravierenden Verletzung, die vor einem Vierteljahrhundert praktisch gleichbedeutend war mit dem Karriereende. Stefan Reuter war einer der Ersten, die nach einem Riss des hinteren Kreuzbandes zurückkamen und sogar zu alter Leistungsfähigkeit zurückfanden. Nach dieser im Jahr 1992 erlittenen Verletzung wurde der frühere BVB-Kapitän noch Europameister, Champions-League-Sieger und drei Mal Deutscher Meister. Der schnelle Reuter taugt also als Vorbild für den noch schnelleren Reus, und noch mehr darf der Publikumsliebling darauf vertrauen, dass die Medizin in diesen 25 Jahren gravierende Fortschritte gemacht hat. 

 

Reus leitet den Führungstreffer im Pokalfinale ein – und fällt auf das gebeugte Knie

Es läuft die achte Spielminute. Marco Reus läuft mit dem Ball am Fuß zurück in die eigene Hälfte, verlagert das Spiel mit einem Diagonalpass auf Lukasz Piszczek. Reus startet links durch, läuft etwa 25 Meter vor dem Frankfurter Tor auf Timothy Chandler auf, gerät ins Straucheln, fällt auf das gebeugte Knie, bleibt liegen, während Piszczek das Leder auf der rechten Seite nach vorne treibt, auf Ousmane Dembélé spielt, der im Strafraum mit einem Haken einen Frankfurter Spieler aussteigen lässt und den Ball zum 1:0 ins Netz schießt. Reus sieht dieses Tor, als er auf Höhe der 16-Meter-Linie auf dem Rasen liegt und sich gerade aufrappelt.

Noch ahnt niemand der 74.322 Zuschauer im Berliner Olympiastadion und auch niemand der Millionen TV-Zuschauer, dass etwas Schlimmes passiert ist. Die Ersten, die eine Ahnung bekommen, sind Mannschaftsarzt Dr. Markus Braun und Physiotherapeut Thomas Zetzmann, als Reus sich wenig später erstmals zur Behandlung an die Außenlinie begibt: „Ich konnte nicht mehr sprinten, nicht mehr passen, hatte immer ein Stechen im Knie.“ Doch an eine wirklich schwere Verletzung denkt der Offensivstar in diesem Moment noch nicht. Denn der Auslöser ist eine Lappalie: „So eine Situation passiert hundertmal in einem Spiel.“

Zur Halbzeit wird er ausgewechselt, bleibt in der Kabine – und hofft: „Vielleicht ist es nicht das Kreuzband, sondern etwas Anderes.“ Doch der Arzt teilt ihm da schon mit, dass das hintere Kreuzband nicht mehr fest anschlägt. Beim Schlusspfiff stürmt er, leicht bandagiert, auf den Rasen, feiert und jubelt mit den Kollegen und nährt bei allen, die ihm dabei zusehen, die Hoffnung, dass Borussia Dortmund an diesem Abend nach zuvor vier verlorenen Finals in Serie den Triumph gegen die Frankfurter Eintracht nicht allzu teuer bezahlt hat. Erst recht, als er tags darauf – nach der ersten eingehenden Untersuchung – wie ein junges Reh auf den Truck hüpft, der die Mannschaft um den Borsigplatz und weiter in die City fährt, wo Hunderttausende den Pokalsieger 2017 feiern, mit ihrem Star und Co-Vorbereiter des 1:0-Führungstreffers, Marco Reus, der den Pokal herzt, als sei er ein Familienmitglied. 

„In dem Glücksgefühl, in dem man ist, voller Adrenalin, bekommt man das gar nicht so mit“

„Ich brauche nicht viele Titel, um glücklich zu sein“, hat er am Abend des gewonnenen Endspiels gesagt, aber 
vor laufenden TV-Kameras auch schon die Befürchtung einer schlimmeren Verletzung geäußert („Vielleicht ein bisschen Kreuzband“), die während des Jubelkorsos schon Gewissheit ist, ihm aber nach außen nicht anzusehen ist: „In dem Glücksgefühl, in dem man ist, voller Adrenalin, bekommt man das gar nicht so mit. Erst ein, zwei Tage später habe ich die Schmerzen richtig gemerkt.“

Am 7. Juni erfolgt ein operativer Eingriff. Seinen zahllosen Fans teilt der Profi mit: „Es ist mein großes Ziel, im neuen Jahr topfit zu sein, um in der entscheidenden Phase der kommenden Saison wieder voll eingreifen zu können.“
Marco Reus absolviert seine Reha mit unerschütterlichem Optimismus, strahlt Freude aus und zugleich Demut. „Marco ist extrem positiv“, bestätigt Florian Wangler. Der 37-Jährige ist einer von drei Trainern im Bereich Athletik, Fitness und Rehabilitation bei Borussia Dortmund. Er begleitete schon Neven Subotic nach einer Knieverletzung auf dessen Weg zum erfolgreichen Comeback.

 

„Es läuft alles nach Plan – und es gab bisher zum Glück keine Komplikationen“

Unter Wanglers Anleitung schuftet Reus im Kraftraum. Das ist nicht vergnügungssteuerpflichtig. „Das Nervigste an der Reha ist, dass du alleine arbeitest“, sagt er. Ziel der Anstrengungen in dieser Phase ist es, die Muskulatur aufzubauen, die Beweglichkeit wiederherzustellen, das Knie zu stabilisieren und für den nächsten Schritt – das Laufen – vorzubereiten. Reus stemmt Gewichte, um den Oberkörper in Form zu halten, oder er arbeitet an Geräten: „Viel Beinkraft, viel Fahrradfahren – lange und intensiv.“

Marco Reus fühlt sich „sehr gut“, zumal ein routinemäßiges Kontroll-MRT vor zwei Wochen die optischen Eindrücke bestätigt: „Es läuft alles nach Plan. Und es gab bisher zum Glück keine Komplikationen.“ In einer Phase, in der manche Patienten gebremst werden müssen, weil sie sich viel mehr zutrauen als das zusammenheilende Gewebe verträgt, weiß der 28-Jährige, dass Geduld gefragt ist: „Es dauert noch ein bisschen.“

Er geht jeden Tag positiv an. „Es ist passiert. Damit muss man leben.“ Vor den 90 Minuten mit Reha-Trainer Florian Wangler stehen 60 bis 90 Minuten Behandlung mit Physiotherapeut Thomas Zetzmann, der das Knie auf die folgende Belastung vorbereitet. Und im Anschluss „mache ich noch ein bisschen Kalt-Warm-Becken, damit die Muskeln sich erholen“, schildert Reus: „In der Reha kann man viele Sachen machen, für die man sonst keine Zeit hat.“

Heute Abend ist Marco Reus wieder im Stadion. Wie bei jedem Heimspiel. Seine Kollegen im Angriff haben ihn bisher begeistert, die Mannschaft insgesamt: „Wir zeigen sehr guten Fußball. So kann und so soll es weitergehen!“ Und doch „tut es weh, da oben zu sitzen und den Jungs nur zuschauen zu können“.

In diesen Momenten denkt er ab und zu mal an das Comeback, das sich noch nicht terminieren lässt, das aber mit Sicherheit kommen „und hoffentlich sehr emotional sein wird. Ich freue mich schon jetzt sehr darauf“.

(von Boris Rupert, der Artikel ist im BVB-Stadionheft "Echt" am 14.10.2017, Ausgabe 131, erschienen)