"Ich wäre in der heutigen BVB-Jugendakademie noch besser geworden"

Im Interview mit BVB-Nachwuchskoordinator Lars Ricken

Marco Reus, Mario Götze, Christian Pulisic, Marcel Schmelzer, Jacob Bruun Larsen, Dzenis Burnic – es sind viele und sehr bekannte Namen, die die Nachwuchsabteilung des BVB durchlaufen haben und später zu gefeierten Profis wurden. Zu diesen Namen gehört auch Lars Ricken, der 1997 mit Borussia Dortmund Champions-League-Sieger und 1995, 1996 und 2002 Deutscher Meister wurde.

Inzwischen ist er ins Nachwuchsleistungszentrum zurückgekehrt – als Nachwuchskoordinator. Im Interview spricht er über die herausragenden Bedingungen, die der BVB seinen kommenden Stars für ihre Entwicklung schafft, und welche Rolle dabei Fitness, Ernährung und Gesundheit spielen.

 

 

Wichtige Frage vorab: Wie hältst du dich fit und gesund?

Ich mache so viel Sport wie möglich, das beschränkt sich aber aktuell auf Laufband, Stepper und Krafttraining im Fitnessstudio. Meine zwei kleinen Kinder halten mich außerdem auf Trab. Und natürlich spielt auch die Ernährung eine Rolle. Durch meinen früheren Nationalmannschafts-Mitspieler Oliver Kahn bin ich auf eine App aufmerksam geworden, mit der ich mein Gewicht halte.

Der Lars Ricken von damals – würde er sich heute immer noch in der BVB-Jugendakademie durchsetzen?

Davon gehe ich aus. Ich hätte auf jeden Fall bessere Bedingungen, das fängt bei beheizten Trainingsplätzen an – bei uns ist hin und wieder noch das Training ausgefallen – und hört bei den kompetenten Mitarbeitern auf. Heutzutage gibt es hauptamtliche Trainer, Physiotherapeuten, Pädagogen, Ärzte, Psychologen, Köche, eine Medienabteilung und und und. Im Zweifel wäre ich also sogar noch besser geworden (schmunzelt).

Welche Aufgaben hat man als BVB-Nachwuchskoordinator? 

Ich nenne es Troubleshooter. Selbst wenn ich mal keine To-do-Liste abzuarbeiten habe, fällt bei fast 100 Mitarbeitern im Nachwuchsleistungszentrum  immer etwas an. Ich führe viele Gespräche. Mein Ziel ist es, den Spielern und Trainern alles bereitzustellen, damit sie erfolgreich miteinander arbeiten können.

Und woran erkennt ihr, ob die Arbeit erfolgreich ist? Wenn die Jugendteams Titel gewinnen?

Teil unserer Philosophie ist es Titel zu holen. Wir wollen die besten Spieler ausbilden, ihnen das beste Umfeld bieten und somit auch die besten Ergebnisse einfahren. Am Ende geht es aber immer um Spaß, Lust und Freude an der Sache. Und die hat ein Fußballer in der Regel, wenn er die Mehrzahl seiner Spiele gewinnt. Außerdem sind Titel wichtig für die persönliche Entwicklung der Jungs. Wenn ich daran denke, wie unsere U 19 im Sommer 2017 vor 34.000 im Signal Iduna Park gegen Bayern München Deutscher Meister wurde – das prägt sie doch für ihr Leben!

 

 

Wie schafft ihr es, dass immer wieder junge Talente in den Profibereich aufrücken und dort für Furore sorgen?

Man kann schon sagen: Wir sind sehr ambitioniert, was die sportliche Ausbildung angeht. Unser Anspruch der Profimannschaft ist, zu den Top 10-Vereinen in Europa zu gehören. Wir wollen Deutscher Meister und DFB-Pokalsieger werden. Dementsprechend wollen wir auch die besten Spieler ausbilden, mit denen wir diese ambitionierten Ziele erreichen können. Dafür gibt es individuelle Karrierepläne über drei Jahre. Es ist ein enges Zusammenspiel aus fußballerischer und schulischer Ausbildung, medizinischer Abteilung, Reha- und Physiotherapie usw.. Teilweise trainieren die Jungs sieben Mal
pro Woche, durch unsere Schulkooperation sogar am Vormittag beispielsweise im Footbonauten oder mit den Athletiktrainern. 

Bei aller sportlichen Ambition vergessen wir aber eines nicht: Wir wollen nicht nur die besten Fußballer ausbilden, sondern die besten Menschen. Ein besonderes Anliegen von uns ist, dass die Talente bei uns den bestmöglichen Schulabschluss machen. Da sind wir konzeptionell sehr gut aufgestellt.

 

 

Welche Rolle spielen in der Ausbildung Themen wie Gesundheit und Ernährung?

Im Jugendhaus gibt es zwei Köche in Vollzeit, die von 6 bis 21 Uhr da sind und für die Jungs kochen – gemeinsames Frühstück, individuelles Mittagessen je nachdem, wann sie von der Schule kommen, und gemeinsames Abendessen. Wir achten auch darauf, dass im Dialog mit den Köchen ein Wissenstransfer  zum Thema Ernährung stattfindet. Zudem kommt eine Ernährungsberaterin in die Mannschaften und hält Vorträge. 

Besonders stolz sind wir auf das Buch „Entscheidend ist auf’m Teller“, das die Spieler und deren Eltern gemeinsam mit unseren Trainern und Ernährungsexperten erstellt haben. Dort steht das BVB-Prinzip für optimale Fitness und maximale Energie schwarz auf weiß.

Die Jungs leben wie Profis, sind aber noch Teenager. Wie geht man mit Vorfällen zum Beispiel im Zusammenhang mit Lernproblemen, Liebeskummer, Konkurrenzdenken innerhalb einer Mannschaft um? 

Das ist jetzt keine Floskel: Wir tragen eine besondere soziale Verantwortung und sind uns dessen sehr bewusst. Wir sind so etwas wie die zweite Familie für die Jungs. In unserem Jugendhaus, das ganz bewusst nicht Internat heißt, herrscht eine sehr familiäre Atmosphäre. Dadurch kann schon sehr viel auf einer zwischenmenschlichen Ebene abgefangen werden. Von Seiten des Vereins gibt es zudem sehr viel professionelle Unterstützung: Es gibt zum Beispiel einen sehr erfahrenen Sozialpädagogen und unsere hauptamtlichen Psychologen sind nicht nur für die Leistungsoptimierung, sondern auch für alle anderen mentalen Dinge da. 

Wie viele Plätze gibt es im Jugendhaus? 

Insgesamt haben wir 22 Plätze für die Spieler. Es lebt auch eine Familie permanent dort bei den Jungs, die als vertrauensvoller Ansprechpartner und „Ersatzeltern“ fungiert. Zusätzlich haben wir sechs Plätze bei Gastfamilien, insbesondere für die jüngeren Spieler, die wir dort noch individueller betreuen können. 

Kommt bei den Jungs manchmal Heimweh auf?

Das kommt vor, aber das Jugendhaus ist ja kein Gefängnis. Die Spieler können nach Hause fahren, wenn sie Heimweh bekommen oder jederzeit Besuch von ihren Eltern bekommen.  

Welchen Tipp gibst du Jugendspielern abschließend mit auf den Weg, die noch von der Profikarriere träumen?

Ganz wichtig ist die Bereitschaft, sich bei jedem Spiel, jedem Training weiterentwickeln zu wollen und das entsprechende Angebot vom Verein anzunehmen. Viele Spieler haben den Wunsch, irgendwann einmal im Signal Iduna Park zu spielen. Aber Wünsche gibt es viele, gerade in der Weihnachtszeit. Damit sie in Erfüllung gehen, braucht man den richtigen Willen dazu.